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Zwönitzer Türmer tritt seinen Dienst an

Mit dem 1. März ist Zwönitz um eine neue Besucherattraktion reicher, denn ab da tritt der neue Zwönitzer Türmer Matthias Franke seinen Dienst an. Seine Person dürfte vielen Zwönitzern und Gästen von außerhalb schon aus seiner bisherigen Funktion gut bekannt sein - die historische Figur des Türmers allerdings ist neu.

Zwönitz ist um eine neue Besucherattraktion reicher. Ab dem 1. März tritt Matthias Franke (r.) seinen Dienst als Türmer an. Dass dieses historische Amt wiederbelebt wurde, ist der gemeinsamen Initiative der Trinitatiskirchgemeinde und der Stadtverwaltung zu verdanken. Kurz vor dem Amtsantritt besuchten Bürgermeister Wolfgang Triebert (l.) und Pfarrer Michael Tetzner (2.v.l.) den Türmer in luftiger Höhe auf dem Turm der Trinitatiskirche.

Mit dem Amt des Türmers übernimmt Matthias Franke (l.) vertretungsweise auch eine wichtige Funktion, die Uhrmachermeister Horst Mothes (r.) seit vielen Jahren schon begleitet. Seit 1986 sorgt Horst Mothes dafür, dass das Uhrwerk täglich aufgezogen wird. Seit 1892 liegt diese wichtige Aufgabe in den Händen der Familie Mothes.

Diesen interessanten Einblick auf die innere Turmkonstruktion mit ihrem massiven Gebälk - im Hintergrund die Gegengewichte des Turmuhrwerks - dürften demnächst einige Gäste erhaschen.

Dieser Ausschnitt aus der Wieckschen Zeichnung von 1841 zeigt die Trinitatiskirche mit Pfeiferstuhl und Fenstern in der Turmzwiebel klaren Indizien für die Existenz eines Zwönitzer Türmers in der Vergangenheit.

Franke hatte sein blaues Gewandt des Nachtwächters vor einigen Monaten abgelegt und es nun gegen eine schwarze Robe, mit einer Fugger-Kappe als Kopfbedeckung, getauscht. Auch das Horn, was er bei sich trägt, sieht anders aus und klingt auch anders. Der Weg zu seiner Hauptwirkungsstätte, dem Turm der Zwönitzer Trinitatiskirche, ist mit einer gewissen Portion Nervenkitzel verbunden. Steile und schmale Treppen führen nach oben, bis unter die Zwiebel der Turmkuppel. Hier auf der Ebene des Glockenstuhls öffnet sich eine Doppeltür, die hinaus zum Pfeiferstuhl genannten, balkonähnlichen Vorbau des Kirchenturms führt. Ein herrlicher Ausblick in luftiger Höhe. Man überschaut die Silhouette von Zwönitz, sieht auf Niederzwönitz und das untere Zwönitztal. Hier wird man den Türmer demnächst öfters sehen und auch hören. Und schon jetzt ist damit zu rechnen, dass sich seinen Rundgängen durch und rund um das altehrwürde Gotteshaus, zahlreiche Gäste anschließen werden.

Trinitatis-Pfarrer Michael Tetzner, der mit dem Kirchenvorstand der Gemeinde die Idee eines Türmers unterstützte und begleitete, ist überzeugt, dass die Nachfrage nach dem neuen touristischen Angebot gut angenommen wird. Matthias Franke ist für ihn eine gute Besetzung. "Ich freue mich sehr, dass der Vertrag in Kraft tritt. Ich wünsche dem Türmer Gottes Segen und viele Gäste", sagt er.

Am 3. März wird Türmer Franke im Rahmen des Gottesdienstes in der Dorfchemnitzer Kirche öffentlich in sein Amt eingeführt. Diesem Zeremoniell gingen die gemeinsame Initiative der Zwönitzer Trinitatiskirchgemeinde und der Stadtverwaltung, wie auch historische Recherchen voraus. Zum einen mussten im Kirchturm bauliche Auflagen des zuständigen Baupflegers zur Verbesserung des Unfallschutzes umgesetzt werden. So wurden Treppen und Geländer rekonstruiert bzw. komplett erneuert, um Besuchern den Aufstieg über die steilen Stufen hinauf über den alten Läuteboden, vorbei am Uhrwerk der Turmuhr, bis hin zum Glockenstuhl zu ermöglichen. Zum anderen musste die Bekleidung nach historischem Vorbild angeschafft werden. Dass es früher auch in Zwönitz einen Türmer gab, ist schon durch die bloße Existenz des Pfeiferstuhls wahrscheinlich. Nicht überliefert ist allerdings, wann dieser Balkon an den Kirchturm angebaut wurde. Die älteste bekannte Darstellung unserer Stadtkirche ist die Federzeichnung Dillichs um 1626. Schon damals existierte ein stattlicher Turm, jedoch zeigt diese Darstellung nur die Hinterseite aus Richtung Friedhof. Die Vorderseite ist erstmals auf eine Zeichnung von 1721 aus dem Privatbesitz der Wettiner dargestellt, also schon nach der Wiedererrichtung der Kirche nach dem verheerenden Brand 1687. Leider ist diese Zeichnung nicht derart detailreich, dass man erkennen könnte, ob sich an der heutigen Stelle damals ein Pfeiferstuhl oder nur ein Fenster befand. Belegt ist jedoch, dass ab dem Jahr 1703 von der Stadt Zwönitz eigene Stadtpfeifer (Stadtmusikanten) angestellt wurden. Sie genossen das Privileg, bei allen städtischen, kirchlichen und privaten Feiern musizieren zu dürfen. Auswärtige Musikanten sowie ansässige Laienmusiker waren nicht zugelassen. In der Regel übernahmen die Stadtpfeifer auch das Türmeramt, wie zum Beispiel das Stundenblasen. Schriftliche Belege hierfür sind in Zwönitz jedoch nicht bekannt. Zeitlich ist dies aber realistisch, da unser Kirchturm erst 1749 die erste Turmuhr bekam, die das Stundenblasen durch Glockenschläge ersetzte.
Auf der Wieckschen Zeichnung von 1841 ist der heutige Pfeiferstuhl klar zu erkennen. Da es keinerlei Erwähnungen eines nachträglichen Einbaus gibt, liegt also die Vermutung nahe, dass er bereits zur Wiederweihe der Kirche 1688 existierte.
Da weitere Indizien für die Existenz eines Turmwächters bereits zur Zeit des 30-jährigen Krieges sprechen, wurde sich letztendlich bei der Wahl der Kleidung an dieser Zeit orientiert.

Somit ist das Wiederaufleben dieses Amtes nicht an den Haaren herbei gezogen. Mit dem 1. März beginnt dann eine zweijährige Probezeit für Matthias Franke, bevor die Stadt Zwönitz bei der europäischen Nachtwächter- und Türmerzunft für ihren Türmer einen Antrag auf Wechsel von der passiven in die aktive Mitgliedschaft stellen kann. Bis dahin werden sicherlich hunderte Gäste sein Rundgangangebot wahrnehmen und mit ihm auch auf den Turm der Trinitatiskirche steigen.

Mit dem Türmer ist, neben den Nachtwächtern und Auguste - der guten Seele der Austelvilla, ein neues tourismusorientiertes Angebot entstanden, welches auf sympathische Art und Weise den Gästen die Zwönitzer Geschichte und Zwönitzer Geschichten näher bringen soll. Die verschiedenen Charaktere der Figuren und ihr unterschiedlicher Wirkungskreis machen die Entdeckungsreise durch die Zwönitzer Gassen besonders spannend. So lohnt es sich auf jeden Fall, alle drei Stadtrundgangsangebote wahrzunehmen. Und diese sind im Übrigen nicht nur für die Ortsfremden, sondern auch für die Zwönitzer selbst hochinteressant.